Thought Leadership
Von DC Mitglied Klaus-Peter Stöppler, Top Interim Manager 2025 (ausgezeichnet von der Diplomatic Council Future Academy gemeinsam mit United Interim)
Wenn die Baubranche nicht bald wieder auf die Beine kommt, wird sie der wirtschaftlichen Talfahrt der Autoindustrie folgen. Es stehen bis zu 2,6 Millionen Arbeitsplätze auf dem Spiel, das sind mehr als doppelt so viele wie in der Automobilbranche (1,2 Millionen). Letztere hat bis 2030 den Abbau von rund 100.000 Stellen angekündigt und teilweise bereits eingeleitet. Niemand kann eine ähnliche oder gar noch schlimmere Entwicklung in der Bauwirtschaft wollen, aber 2025 ist das fünfte Jahre in Folge mit einem realen Minus der Branche. Umso wichtiger sind die erhofften Wachstumsimpulse durch das Sondervermögen von 500 Milliarden Euro . Doch die Anzeichen dafür, dass ein Großteil davon versickert, um Haushaltslöcher zu stopfen, statt in Investitionen zu fließen, sind ein verheerendes Signal für den Bau.
Bauen ist ein bürokratischer Spießrutenlauf
Das als Aufbruch zur Modernisierung Deutschlands aufgelegte Milliardenpaket wird verpuffen, wenn es missbraucht wird, um die Finanzlücken der Bundesländer und Kommunen zu füllen.. Es sei auf den Investitionsstau von 215,7 Milliarden Euro laut aktuellem Kommunalpanel der Förderbank KfW verwiesen. Noch verheerender“ als der Investitions- ist allerdings der Reformstau auf dem Bausektor. Bauen ist in Deutschland nach wie vor ein bürokratischer Spießrutenlauf. Stolpersteine sind überkomplexe Vorschriften, langwierige Genehmigungsverfahren, die mangelnde Digitalisierung in den Bauämtern und viele rechtsunsichere Regelungen.
So müssen beispielsweise für die Errichtung eines Industriegebäudes je nach Bundesland, Größe und Standort bis zu zehn Behörden einbezogen werden, von der Bauaufsicht über den Brandschutz und das Gewerbeamt bis zum Naturschutz. Obgleich einige Genehmigungen oft in einem zentralen Verfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) gebündelt werden, entfällt etwa 85 Prozent der Gesamtdauer eines Bauprojekts auf Verwaltungsvorgänge.
Die Folgen einer Fehlallokation des Sondervermögens bei anhaltendem Reformstau sind nicht auf den Arbeitsmarkt beschränkt. Es geht um die bauliche Substanz der Infrastruktur für den Wirtschaftsstandort Deutschland, also um Straßen, Bahntrassen, Büro- und Industriegebäude sowie nicht zuletzt um den Wohnungsbau. Von den für 2025 angestrebten 400.000 Wohneinheiten wird man bestenfalls die Hälfte erreichen.
Niedrige Innovationsrate, geringe Digitalisierung
Für die anhaltende Konjunkturdelle in der Bauwirtschaft ist allerdings nicht allein die Politik verantwortlich, sondern auch die Branche selbst. Ähnlich wie die Autoindustrie in den vergangenen Jahrzehnten viele Trends verschlafen und Innovationen erst spät adaptiert habe, ist auch die Bauwirtschaft wenig innovationsfreudig. So ist die Arbeitsproduktivität in der Branche nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in den letzten 25 Jahren um beinahe 25 Prozent zurückgegangen ist. Dieser Entwicklung ist äußerst besorgniserregend.
Die Gründe für den Abwärtstrends: sinkende Investitionen in Maschinen und Anlagen, eine niedrige Innovationsrate und die geringe Digitalisierung. Wenn das Geschäft gut läuft, hat man keine Zeit zur Modernisierung, und wenn es schlecht läuft, kein Geld dafür, ist eine weit verbreitete Denkweise in der Baubranche.
Parallelen zwischen Auto- und Baubranche
Die Parallelen zur Automobilwelt sind unübersehbar: Die größte Innovation der letzten 15 Jahre, die Elektromobilität, wurde von einem US-Hersteller massenmarkttauglich gemacht, der damit die gesamte deutsche Autoindustrie vorgeführt hat. Zum Unglück der deutschen Autobauer hat sich dieser US-Konkurrent nicht nur als ‚first mover‘, sondern auch als ‘fast mover‘ herausgestellt. Die heimischen Hersteller haben diese Entwicklung lange verschlafen und das Erwachen ist bitter. Die wankelmütige Prämien-ja/nein-und-Verbrenner-aus-oder-doch-nicht-aus-Politik hat ihr übriges dazu getan, die Branche in eine Abwärtsspirale zu bringen. Die jüngste Innovation, Künstliche Intelligenz als Treiber des autonomen Fahrens, scheint die heimischen Hersteller weiter in die Bredouille zu bringen. Die Bauwirtschaft sollte daraus lernen und ihre Innovationsgeschwindigkeit und Produktivität deutlich erhöhen, statt sich primär auf die Politik zu verlassen.
Es ist leider festzustellen, dass Trends wie die digitale Planung mit Building Information Modeling oder automatisierte Bauprozesse nur zögerlich übernommen wurden. Doch es nützt nichts, wie das Kaninchen auf die Schlange auf den Bürokratiewahn zu starren, ohne sich selbst zu bewegen. Digitalisierung, Robotik und Künstliche Intelligenz bergen enorme Produktivitäts- und Kostenvorteile, die es auszuschöpfen gilt. Viel Zeit bleibt der Baubranche aber nicht mehr, um aufzuwachen.
* Klaus-Peter Stöppler zählt zu den renommiertesten Executive Interim Managern Deutschlands mit über 35 Jahren Erfahrung in den Branchen Bauwirtschaft, Immobilien, Energie und Industrie. Er begleitet mittelständische Unternehmen als permanenter Beirat oder als Interim Manager auf Zeit. Seine Expertise umfasst Bauprojektmanagement, Unternehmensrettung und strategische Beratung. Klaus-Peter Stöppler ist eine von nur drei Personen, denen von der Diplomatic Council Future Academy der Titel „Top Interim Manager 2025“ verliehen wurde